Jeannette Urzendowsky, bekannt unter ihrem Bühnennamen Chanson-Nette, verkörpert wie kaum eine andere Persönlichkeit die lebendige Verbindung von medizinischer Präzision und künstlerischer Leidenschaft. Geboren und aufgewachsen im Berliner Friedrichshain, hat sie sich als Fachärztin für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und Psychotherapie einen Namen gemacht und gleichzeitig als Sängerin, Schauspielerin und Botschafterin des historischen Kabaretts einen festen Platz in der deutschen Kleinkunstszene erobert. Ihr Leben und Werk spiegeln die bewegte Geschichte Berlins wider – von den Goldenen Zwanzigern über die Teilung der Stadt bis in die Gegenwart. Mit waschechtem Berliner Witz, tiefem Empfinden und einem unerschütterlichen Engagement für die Erinnerungskultur begeistert sie seit Jahrzehnten Publikum in Berlin, deutschlandweit und darüber hinaus.
Dieser Artikel beleuchtet ausführlich den Werdegang von Jeannette Urzendowsky, ihre künstlerischen Programme, ihre Rolle als Ärztin, ihre familiären Verbindungen und die besondere Bedeutung ihrer Arbeit gegen das Vergessen. Dabei steht stets der Mensch hinter den Facetten im Vordergrund: eine echte Berliner Pflanze, die mit Charme, Temperament und Herz ihre vielfältigen Talente verbindet.
Frühe Jahre und Prägung im geteilten Berlin
Jeannette Urzendowsky erblickte 1961 im Friedrichshainer Kiez an der Boxhagener Straße das Licht der Welt. Als Kind einer Familie mit medizinischer Tradition – der Großvater Herbert arbeitete nach dem Krieg als Facharzt an der Charité – wuchs sie in einer Umgebung auf, in der Bildung, Kultur und soziales Engagement eine zentrale Rolle spielten. Vis-à-vis der elterlichen Wohnung besuchte sie die Händelschule, das heutige Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium, und legte dort das Musikabitur ab. Schon früh zeigte sich ihre musikalische Begabung: In der zweiten Klasse entdeckte Hans Naumilkat ihre Stimmkraft und holte sie in seinen Rundfunk-Kinderchor. Bis zum Abitur sang sie im Konzertchor und entwickelte eine tiefe Liebe zur Musik.
Die Humboldt-Universität wurde ihre Alma Mater. Während des Studiums der Medizin in der DDR-Zeit konnte sie die Musik nicht lassen und spielte in einer Folk-Band. Die politische Realität des geteilten Berlins prägte sie nachhaltig. In den turbulenten Monaten nach dem Mauerfall arbeitete sie rund um die Uhr im Klinikum Buch, während viele Kollegen in den Westen gingen. Diese Erfahrung von Verantwortung und Durchhaltevermögen sollte später auch ihre künstlerische Arbeit beeinflussen. Die Umwege, wie sie selbst sagt, erweiterten ihren Horizont und führten sie schließlich zum Chanson und zur Kleinkunst.
Der Weg in die Medizin – Fachärztin mit Herz und Verstand
Nach dem Studium spezialisierte sich Jeannette Urzendowsky auf Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde und Psychotherapie. Als Dipl.-Med. arbeitet sie in einer Gemeinschaftspraxis in der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg, wo sie Patienten mit großer Empathie und fachlicher Kompetenz betreut. Ihre doppelte Expertise – die körperliche und die seelische Dimension – macht sie zu einer Ärztin, die den ganzen Menschen sieht. Während der Corona-Pandemie engagierte sie sich zusätzlich als Impfärztin im Impfzentrum der Arena und berichtete offen über die emotionalen Begegnungen in der Impfkabine.
Die Medizin blieb nie nur Beruf, sondern Teil ihrer Identität. Doch parallel dazu reifte die künstlerische Berufung. In den 1990er-Jahren wandte sie sich verstärkt dem Chanson zu, das sie schon als Teenager fasziniert hatte. Besonders das Kabarett der Zwanziger Jahre übte eine magische Anziehungskraft aus. Ab 1995 trat sie in Berliner Salons mit Texten und Chansons aus den Zwanzigern und der Gründerzeit auf. Die Kombination aus ärztlicher Profession und künstlerischer Leidenschaft beschreibt sie selbst als Doppelleben, das ihr Erfüllung und Balance schenkt.
Die Geburt der Chanson-Nette – Künstlerischer Aufbruch
Ab 1999 nahm Jeannette Urzendowsky systematisch Schauspielunterricht bei Hildegard Schroedter und Kameraseminare bei Teresa Harder. Gesangsunterricht bei Marcus Haas, Marc Seitz und Viola Manigk sowie Tanzunterricht bei Tom Fletcher, Ulrike Albrecht und Jojakim Balzer vervollständigten ihre Ausbildung. Seit 2003 tritt sie regelmäßig als Chanson-Nette auf Kleinkunstbühnen in Berlin und Brandenburg auf und unterhält bei Veranstaltungen und Kongressen. 2005 präsentierte sie ihr erstes Soloprogramm „Mir wär’ kein Sexappeal zu viel“. Seit 2007 folgt sie auch Engagements als Schauspielerin in diversen Bühnenproduktionen.
Ihr Repertoire reicht von den Zwanziger Jahren bis in die Gegenwart und umfasst sowohl waschechtes Berliner Entertainment als auch klassische Chansonkunst. Eigene oder eigens für sie geschriebene Chansons gehören ebenso dazu. Besonders am Herzen liegt ihr die Erinnerung an jüdische Komponisten, Dichter, Sänger und Schauspieler, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Als Ehrenbotschafterin des Deutschen Kabarettarchivs in Mainz und Bernburg an der Saale trägt sie diese Geschichten charmant und mit Tiefgang in die Welt – für Vielfalt und gegen das Vergessen.
Der Berliner Tagesspiegel würdigte sie einmal mit den Worten: „Chanson-Nette gehört zu den wenigen Akteuren, die ein Berliner Original glaubhaft verkörpern können … Wer das Temperamentsbündel mit Herz und Gefühl auf der Bühne erlebt, darf sicher sein, dass er dem Besonderen begegnet.“ Diese Beschreibung trifft den Kern: Jeannette Urzendowsky ist Schnauze mit Herz, eine 1,53 Meter große Energiebündel-Persönlichkeit, die mit Berliner Schnoddrigkeit und tiefer Empathie fesselt.
Programme und Auftritte – Von Swing bis Hommage
Zu ihren bekanntesten Programmen gehören „Voll uff Swing“ mit Band, in dem deutsche Chansons und Schlager im Benny-Goodman-Stil der Zwanziger und Dreißiger Jahre neu arrangiert werden. Hits von Hilde Knef, Friedrich Hollaender, Werner Richard Heymann, Willi Rosen, Paul Abraham und Claire Waldoff erklingen in swingender Fassung, untermalt von Geschichten der einstigen Künstler, von denen viele jüdischen Glaubens waren und ab 1933 brutal verfolgt wurden. Weitere Programme wie „Ich hätt’ getanzt heut’ Nacht“ (eine Hommage an Robert Gilbert), „Mensch Puppchen“, „Klar zum Kentern“ mit Trio Scho oder „Berlin-Odessa-Express“ verbinden Chanson, Jazz, Swing, Tango und jiddische Lieder.
Sie tritt auf Kleinkunstbühnen, in Theatern und Salons in Berlin und bundesweit auf. Tourneen führten sie nach Rom, Wien, Nizza, Genf und durch Namibia. Für private Feiern, Kongresse und Firmenevents entwickelt sie maßgeschneiderte Programme nach vorherigem Interview mit den Veranstaltern. Exzellente Musiker – Pianisten, Akkordeonisten und Bands – begleiten sie. Als leidenschaftliche Berlinerin führt sie auch musikalisch durch ihre Stadt, ein besonderes Erlebnis für Touristen und Berlin-Interessierte. Seit dem Jahr 2000 lebt sie mit ihrer Familie und den Hunden im Südwesten der Stadt.
Familie und künstlerisches Erbe
Jeannette Urzendowsky ist Mutter zweier begabter Schauspieler: Sebastian Urzendowsky, geboren 1985, und Lena Urzendowsky, geboren 2000. Beide haben beeindruckende Karrieren vor der Kamera und auf der Bühne hingelegt. In der Familie wurde immer viel gesungen und getanzt, besonders mit der Mutter – eine prägende Erfahrung, die Lena als „ungezwungen und freudvoll empfundenes Leben“ beschreibt. Partner Christoph Stollowsky, den sie als Runner in allen Lebenslagen, Kritiker, Mutmacher und Vater ihrer zusammen vier erwachsenen Kinder sowie Großvater von vier Enkeln bezeichnet, unterstützt sie.
Die familiäre Atmosphäre von Kreativität und gegenseitiger Unterstützung spiegelt sich in Jeannettes Arbeit wider. Sie verkörpert die Tradition Berliner Unterhaltung, die von den Zwanzigern bis heute reicht, und gibt dieses Erbe an die nächste Generation weiter.
Bedeutung und Engagement – Gegen das Vergessen
Ein zentraler Aspekt von Jeannette Urzendowskys Wirken ist ihr Engagement als Ehrenbotschafterin des Deutschen Kabarettarchivs. Sie erinnert an die kulturellen und geistigen Beiträge jüdischen Lebens, die der Gesellschaft geschenkt wurden und die die Nationalsozialisten auslöschen wollten. Programme wie die Friedrich-Hollaender-Revue oder Hommagen an Claire Waldoff und Robert Gilbert sind nicht nur Unterhaltung, sondern auch Erinnerungsarbeit. In einer Zeit, in der historische Zusammenhänge oft verblassen, hält sie die Stimmen der Vergangenheit lebendig und macht sie für heutige Generationen zugänglich.
Ihre Arbeit verbindet Unterhaltung mit Bildung und Emotion. Das Publikum lacht, weint und denkt nach – genau das, was gutes Kabarett ausmacht. Werner Richard Heymanns Worte zitiert sie gerne: „Kabarett wird oft als Kleinkunst bezeichnet, man müsste es eigentlich Kurzkunst nennen… man muss mitten hinein springen… mit beiden Füßen in die zu beschreibende Situation.“ Genau das tut Chanson-Nette.
Aktuelle Aktivitäten und Ausblick
Auch heute ist Jeannette Urzendowsky aktiv auf den Bühnen zu erleben. Ob mit Swing-Band, Trio Scho oder im Duo mit Pianisten wie Tal Balshai – ihre Programme bleiben frisch und relevant. Sie kombiniert historische Chansons mit zeitgenössischen Bezügen und bleibt dem Berliner Charakter treu. Parallel dazu führt sie ihre Praxis weiter und verkörpert damit die Vereinbarkeit von Beruf und Berufung. In einer schnelllebigen Welt bietet sie dem Publikum einen Moment der Besinnung, des Lachens und der Begegnung mit der reichen kulturellen Tradition Berlins.
Häufig gestellte Fragen (FAQs)
Wer ist Jeannette Urzendowsky?
Jeannette Urzendowsky ist eine Berliner Schauspielerin, Sängerin und Fachärztin für HNO und Psychotherapie. Unter dem Namen Chanson-Nette tritt sie mit Chansons und Kabarett der Zwanziger Jahre bis heute auf und ist Ehrenbotschafterin des Deutschen Kabarettarchivs.
Wann und wo wurde sie geboren?
Sie wurde 1961 im Friedrichshainer Kiez an der Boxhagener Straße in Berlin geboren.
Welche Programme hat Chanson-Nette?
Zu den bekannten Programmen gehören „Mir wär’ kein Sexappeal zu viel“, „Voll uff Swing“, „Ich hätt’ getanzt heut’ Nacht“ (Hommage an Robert Gilbert), „Mensch Puppchen“, „Klar zum Kentern“ und „Berlin-Odessa-Express“.
Was ist ihre Verbindung zum Kabarettarchiv?
Sie ist Ehrenbotschafterin des Deutschen Kabarettarchivs in Mainz und Bernburg an der Saale und engagiert sich besonders für die Erinnerung an verfolgte jüdische Künstler der Zwanziger und frühen Dreißiger Jahre.
Hat sie Kinder?
Ja, sie ist Mutter der Schauspieler Sebastian und Lena Urzendowsky.
Wo tritt sie auf?
Auf Kleinkunstbühnen, in Theatern und Salons in Berlin und deutschlandweit sowie bei privaten und Firmenevents. Tourneen führten sie ins europäische Ausland und nach Namibia.
Wie verbindet sie Medizin und Kunst?
Sie arbeitet als HNO-Ärztin und Psychotherapeutin in einer Berliner Gemeinschaftspraxis und tritt parallel als Chanson-Nette auf. Beide Bereiche bereichern sich gegenseitig.
Warum ist ihre Arbeit wichtig?
Sie hält die Tradition des Berliner Kabaretts und Chansons lebendig und erinnert an Künstler, deren Werke und Leben die Nationalsozialisten auslöschen wollten. Damit leistet sie einen Beitrag zur Erinnerungskultur und kulturellen Vielfalt.
Fazit
Jeannette Urzendowsky, die Chanson-Nette, ist weit mehr als die Summe ihrer Rollen. Sie ist eine Brückenbauerin zwischen Medizin und Kunst, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Berliner Schnauze und tiefem Empfinden. In einer Zeit, in der Spezialisierung oft als Ideal gilt, zeigt sie, dass Vielseitigkeit und Authentizität eine besondere Kraft entfalten. Ihre Auftritte sind Einladungen, innezuhalten, zu lachen, zu fühlen und zu erinnern. Als echte Berliner Pflanze trägt sie die Seele der Stadt in die Welt – mit Witz, Tiefgang und einem Herzen, das für Vielfalt und gegen das Vergessen schlägt. Wer sie einmal auf der Bühne erlebt hat, weiß: Hier begegnet man dem Besonderen. Ihre Geschichte ermutigt, Umwege zu gehen, Leidenschaften zu verfolgen und die kulturellen Schätze der Vergangenheit lebendig zu halten. In diesem Sinne bleibt Jeannette Urzendowsky eine inspirierende Persönlichkeit der Berliner und deutschen Kulturlandschaft – gestern, heute und morgen.

